Berliner Pflanze / Alexandra Laubrinus

Alexandra Laubrinus – Projektleiterin der Berlin Food Week und „Foodie durch und durch“

Der Ruf Berlins als kulinarische Wüste gehört bereits seit Langem der Vergangenheit an. Heute trifft hier Sterne-Gastronomie auf Streetfood-Szene, hohe Kochkunst und experimenteller Genuss gehen Hand in Hand. Ob Veggie, Vegan oder regionale Hausmannskost – der Speisezettel der Berliner ist so variantenreich wie nie. Man trifft sich in Supperclubs zum exklusiven Dinner, es wird gefachsimpelt, verkostet und gespeist. Städtische Manufakturen, Mikro-Brauereien und lokaler Landbau setzen feine Akzente und einen neuen Maßstab in punkto Geschmack und Qualität. Es überrascht also nicht, dass mit der ersten Berlin Food Week vom 07. bis 12. Oktober 2014 im Kaufhaus Jandorf in Berlin-Mitte ein Schlaglicht auf die kulinarische Szene und neue Küchen-Trends geworfen wird.

Alexandra Laubrinus - Berliner Pflanze

Beruflich wie privat dreht sich für Alexandra Laubrinus, Projektleiterin der Berlin Food Week, derzeit alles rund um das Thema Essen. Die Senior-Projektleiterin Live Communication der Agentur Schröder + Schömbs PR ist selbst Gastgeberin aus Leidenschaft. In Ihrer Freizeit hat sich die studierte Betriebswirtin ganz dem „Foodspotting“ verschrieben, bei dem Speisen und Getränke fotografiert, der Restaurantbesuch online kommentiert und via Facebook und Twitter geteilt werden. Bereits in ihrer Grundschulzeit in Marzahn erlebte sie im hauseigenen Schulgarten das Sprießen und Blühen der Natur und sieht heute der IGA Berlin 2017 in Marzahn-Hellersdorf mit kundigem Blick beim Wachsen zu. Wir trafen den echten „Foodie durch und durch“ zum kulinarischen Gespräch.

IGA: Wann entdeckten Sie Ihre Leidenschaft für das Essen? Liegt in Ihrer Familie der Gourmet in den Genen?

AL: In meiner Kindheit habe ich viel über bewusste Ernährung gelernt. Meine Großeltern hatten einen großen Garten und pflanzen dort verschiedene Gemüsesorten an. Meine Mutter ist Ayurveda-Therapeutin und die ayurvedische Lehre ist bei uns in die Zubereitungen von Speisen eingeflossen. Ich habe ein Bewusstsein für Produkte mit auf den Weg bekommen und später in meinen Beruf viel dazugelernt. Ein Teil meines Jobs ist es, für gutes Essen zu sorgen. Ich lerne viel kennen und will immer mehr über die Herkunft des Essens und die Zubereitungsarten wissen!

IGA: Welche Rolle spielt die ökologische und naturnahe Produktion von Lebensmitteln für Sie? Was wandert in Ihren Einkaufskorb und was nicht?

AL: Ich kaufe nicht nur biologisch erzeugte Produkte oder gehe ausschließlich in den Bio-Supermarkt. Die Herkunft der Produkte ist das Wichtigste für mich. Ich kaufe regional und saisonal und möchte beispielsweise wissen, wie die Tiere aufgewachsen sind, deren Fleisch ich esse.

IGA: Als passionierte Foodspotterin verbinden Sie die Ästhetik mit dem Geschmack des Essens. Welche Rolle spielt für Sie die Redewendung „das Auge isst mit“ im Zeitalter von genormten Lebensmitteln und perfekt gezüchteten Obst- und Gemüsesorten?

AL: Ich bin Foodspotterin und keine Food-Fotografin oder -Stylistin. Ich fotografiere das Essen so wie es mir serviert wird. Beim Foodspotting geht es vor allem darum zu zeigen, wo und was man gegessen hat und wie die Gerichte aussehen, um dann eine persönliche Empfehlung abzugeben. Ich versuche das Erlebnis beim Essen gut wiederzugeben aber ich beschönige nichts. Ich kommentiere, wie die Speisen zubereitet und welche Zutaten verwendet wurden. Foodspotting ist eine internationale Plattform und es geht in erster Linie um den Austausch über das Essen. Man findet dort viele amerikanische und asiatische Nutzer und besonders die amerikanischen Foodies beschäftigen sich mit Themen wie Regionalität, Saisonalität und Sortenvielfalt. Alte Gemüsesorten sind wieder im Kommen und Grünkohl ist momentan ein großer Trend.

IGA: Wie kamen Sie zur Berlin Food Week und wie entstand die Idee?

AL: Die Berlin Food Week ist eine Idee von Alexander van Hessen, der eine Lifestyle-Agentur in Berlin hat und viel für Kunden in der Szene unterwegs ist. Er fragte sich irgendwann, warum es neben der Fashion Week, Music Week, Art Week und Web Week nicht auch eine Food Week gibt, da es seiner Ansicht nach viel Potenzial in der Stadt dafür gibt. Mit Sandro von Czapiewski, der auch eine Agentur für Live Communication hat, haben sie mit Institutionen und Gastronomen gesprochen und festgestellt, dass das Interesse groß, es aber auch ein Mammutprojekt ist. So kam die Agentur Schröder + Schömbs als Partner ins Spiel, für die ich arbeite. Wir teilen die Leidenschaft für zeitgemäße und gesellschaftsrelevante Themen und haben das Potenzial der Idee erkannt. Die Essenskultur gewinnt immer mehr an Bedeutung und ist gerade dabei, die Partykultur abzulösen. Es gibt einige Kollegen, die Foodies sind und so passte es einfach zusammen.

IGA: Was ist das Besondere an den Berliner „Themen-Weeks“, warum sind diese Formate so erfolgreich?

AL: Ich kann nicht für die Fashion oder Web Week sprechen. Mit der Berlin Food Week möchten wir eine Plattform schaffen, die das Thema Food-Kultur facettenreich widerspiegelt und die Food-Akteure miteinander vernetzt. Wir möchten die Akteure in der Stadt einbinden, die sich engagieren und tolle Einzelformate machen, um sie dem Endkonsumenten, dem Berliner aber auch dem Touristen zu zeigen. Natürlich haben wir auch das Ziel, Aufmerksamkeit über die Stadtgrenzen hinaus zu erzeugen, um Berlin als Food-Metropole von Weltrang zu etablieren. In Berlin und deutschlandweit wird das bereits wahrgenommen, europaweit kann man noch viel tun. Hier denkt man zuerst an Kopenhagen, Paris, London oder an Madrid. In diese Reihe möchten wir Berlin gerne stellen.

IGA: Die Berlin Food Week möchte Aktivisten, Weltverbesserer, Industrie und Institutionen miteinander vernetzen. Wie sieht Ihr Programm für die einzelnen Zielgruppen aus?

AL: Das Ziel der Berlin Food Week als Plattform ist es, die verschiedensten Akteure zusammenzubringen, um etwas zu bewegen, den Austausch zu fördern und unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Wir möchten etwas über Berlin und die hier ansässige Food-Kultur erzählen. Bei dem Format „From Nose to Tail“ wird Fleisch und das Handwerk des Metzgermeisters ein Thema sein bei dem man zeigt, wie das ganze Tier verarbeitet wird und was man zubereiten kann. Beim „Food Swapping Day“ laden wir Hobbyköche ein, die uns zeigen sollen, wie sie Lebensmittel selber einmachen, wie es schmeckt und welche Rezepte dahinter stecken. Aber wir sprechen natürlich auch die eingefleischten Foodies an. In der „Food Clash Canteen“, unserem temporären Restaurant, werden wir eine große Bandbreite von verschiedenen Kochstilen zusammenbringen, um jeden Abend gemeinsam ein Menü zu kreieren und zu servieren. Die „Next Generation Food“ ist ein sogenanntes „Partner-Event“, wo wir Food-Trends und Konzepte zu (digitalen) Geschäftsmodellen aus den Bereichen Genuss, Gesundheit, Convenience und Nachhaltigkeit aufgreifen und verschiedene Partner zusammenbringen. Wir glauben, dass mit diesen Formaten die Diskussion automatisch entsteht.

IGA: Es gibt viele Menschen in Berlin, die nicht die Möglichkeit haben, an Events wie der Berlin Food Week teilzunehmen. Sprechen Sie auch Organisationen wie die „Berliner Tafel“ oder „Stadt macht satt“ an, die „Essen für Alle“ zum Programm gemacht haben? Welche Rolle spielt das Thema „Nachhaltigkeit“?

AL: Wir würden gerne noch viel mehr machen, sind aber in diesem Jahr noch relativ klein aufgestellt. Unser Ziel ist es, nachhaltig zu wachsen und das Format weiter zu entwickeln. Gerne möchten wir mit Partnern das Thema „Urban Gardening“ oder Schulgarten-Projekte für Kinder thematisieren, mit der Slow-Food-Bewegung sind wir im Gespräch. Und natürlich ist uns auch das Thema der Essenstafeln wichtig, aber in diesem Jahr steht im Vordergrund zu erklären, was wir erreichen wollen. Man muss glaubwürdig bleiben und kann leider nicht alles auf einmal machen. Es gibt jedoch erste Ausblicke – mit der Domäne Dahlem und dem Food-Aktivisten Hendrik Haase werden wir gemeinsam in der „Erdapfel Manufaktur“ mit Kindern Kartoffeln ernten und zu Chips verarbeiten. Damit möchten wir vor allem zeigen, wo die Produkte herkommen und wie sie verarbeitet werden.

IGA: Auf dem IGA-Gelände gehen 2017 der Anbau und die Ernte von Obst und Gemüse und deren Zubereitung Hand in Hand. Welche Botschaft in punkto Essen sollte die IGA damit verbinden?

AL: Mir wäre wichtig, dass man den Menschen die Angst vor dem Produkt und der Zubereitung nimmt, um zu zeigen, dass man keine große Erfahrung braucht, um ein gutes und schmackhaftes Gericht zuzubereiten, das noch dazu gesund ist. Insbesondere in einer Stadt wie Berlin, wo der eigene Gemüsegarten keine Selbstverständlichkeit ist.

IGA: Es gibt viele Szenarien, wie die Ernährung der Zukunft aussehen wird. Was sind Ihre Prognosen?

AL: Die Berlin Food Week ist eine Plattform für Menschen, die sich mit Ernährung beschäftigen und ich hoffe, dass wir im Oktober noch viel zu dem Thema lernen werden. „Food is social“ – in einem zweideutigen Sinn. Essen stellt Gemeinsamkeit her – bei der Zubereitung und beim Essen selbst, bei dem man eine schöne Zeit mit anderen verbringt. Der zweite Aspekt ist das Thema der Social Media, bei dem ein Austausch auf verschiedenen Community-Seiten stattfindet und man sich untereinander vernetzt.

IGA: Welche Essenstrends und Innovationen wird uns die Berlin Food Week im Oktober zeigen?

AL: Die Berlin Food Week ist kein Zukunftslabor – wir spiegeln das wider, was Menschen in Berlin in diesem Bereich bewegen und was momentan in der Stadt erlebbar ist. Es ist eine Momentaufnahme. Die Regionalität, Saisonalität und Sortenvielfalt aber auch die Herkunft, Verarbeitung und Zubereitung der Produkte, „Fine Dining“ und „Food Pairing“ – die Kombination von Wein und Speisen – sind unsere Themen. Wir möchten die Vielfalt des Heute zeigen.

IGA: Wie kann man sich an der Berlin Food Week beteiligen?

AL: Wir sind sehr offen und freuen uns über jede Anfrage! Auf der „Food Night“ im Oktober 2013 haben wir die Idee und das Konzept vorgestellt und mit der Einladung verbunden, sich bei der Berlin Food Week einzubringen. In diesem Jahr wäre es zwar zu spät aber nach der Food Week ist vor der Food Week! Ab November werden wir für 2015 weiterplanen und sind auch da schon wieder mit vielen Akteuren im Gespräch.

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

AL: Ich bin hier geboren und aufgewachsen und daher von Natur aus eine Berliner Pflanze.

Das Gespräch führten Kerstin Gust und Jeannine Koch.