Berliner Pflanze / Burkhard Kieker

Burkhard Kieker – Geschäftsführer visitBerlin

Burkhard Kieker ist bekennender Berliner und ein großer Liebhaber der Stadt, in der er seit 1985 lebt. Er ist gelernter Journalist und leitete 2004 bis 2008 das Marketing und die Unternehmenskommunikation der Berliner Flughafen Gesellschaft mbH. Seit fünf Jahren ist Burkhard Kieker Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, kurz visitBerlin, die mit rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Berlin-Touristen betreut und weltweit für die deutsche Hauptstadt wirbt. Wir trafen den umtriebigen Berlin-Kenner und feinsinnigen Beobachter zum Gespräch über die weitere Entwicklung und das grüne Potenzial der Stadt.

Burkhard Kieker | Berliner Pflanze

IGA: Herr Kieker, visitBerlin hat auch für 2013 beeindruckende Tourismuszahlen vorgelegt. Insgesamt haben 11,9 Millionen Gäste Berlin besucht und die Zahl der Übernachtungen ist auf 26,9 Millionen gestiegen. Berlin wird in der Branche gerne der „Wachstums-Champion“ genannt. Welche Prognose haben Sie für die weitere Entwicklung?

BK: Das ist wirklich schwer zu sagen. Berlin geht es sehr gut, aber noch nicht zu gut. Ich denke schon, dass wir weiter wachsen werden und die Stadt in vielerlei Hinsicht das Beste noch vor sich hat. In Deutschland und Europa ist Berlin sehr bekannt. In den fernen Märkten lässt das noch etwas zu wünschen übrig. Dort kann es einem passieren, dass man erklären muss, wo Berlin liegt. Wir sind innerhalb kürzester Zeit eine „touristische Supermacht“ geworden, ob wir das wollten oder nicht, und damit müssen wir in der Stadt jetzt umgehen. Dabei kommt es darauf an, Berlin als einen authentischen Ort zu erhalten.

IGA: Die raue, unfertige Gestalt der Stadt machte Berlin lange Zeit sehr anziehend für Besucher aus aller Welt. Wie lange profitiert man von so einem Aufbaucharme?

BK: Ich habe mir gerade das neu eröffnete Bikini-Haus angeschaut und festgestellt, dass Berlin auf keinen Fall langweiliger, sondern „gesünder“ geworden ist! Was wir hier nach der Wende vorgefunden haben, war in jeder Hinsicht artifiziell. Die Berliner haben es verstanden, ihre Come-Back-Geschichte zu zelebrieren, in der wir immer noch mittendrin sind. Und die Welt liebt Come-Back-Geschichten!

IGA: Was ist es, was jetzt noch kommt, einmal abgesehen von den Touristen?

BK: Tourismus ist nur ein kleiner Teil von dem, was die Stadt ausmacht. visitBerlin kümmert sich in erster Linie um die „Marke Berlin“ und das Image der Stadt. Ich denke, dass wir für einen wirtschaftlichen Aufschwung stehen, der sich sehen lassen kann. Das hat einen einfachen Grund. Mit der Marke Berlin aber auch aufgrund unseres Lebensstils sind wir in der Lage, die jungen, klugen und kreativen Leute aus aller Welt anzuziehen. Berlin hat die sogenannten drei „Ts“: Talente, Toleranz und Technologie. Das zählt in den Metropolen von heute. Berlin ist aber auch eine Stadt der Teilhabe. Wir haben hier keine Zaungäste. Wer zu uns kommt, darf mitmachen – das ist nicht in jeder Stadt so. Die Künstler, Musiker und jungen Wissenschaftler, die hier leben, arbeiten und produzieren bilden gemeinsam eine spezielle Masse. Sie kreieren eine Atmosphäre, die wiederum andere Menschen anzieht. Wenn wir dieses Perpetuum mobile in Gang halten, dann hat Berlin in der Tat das Beste noch vor sich.

IGA: Ihr Ziel ist es, Berlin als Gesamtkunstwerk dauerhaft zu verankern und die große internationale Sympathie-Welle von heute zu verstetigen. Wie macht man das?

BK: Es geht um die Atmosphäre, um den Geist eines Ortes, der von den Menschen bestimmt wird. Aber auch die Rahmenbedingungen sind wichtig. Zu denen gehört natürlich auch, dass man sich in Berlin noch ausprobieren kann. In Manhattan ist das schwieriger, allein aufgrund der ökonomischen Bedingungen. Insofern glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

IGA: Sie sagten in einem Interview, dass die jungen Touristen von heute die Berliner Bürger und Investoren von morgen sind. Sehen Sie sich als Tourismusmanager oder eher als Stadtentwickler?

BK: Man kann beides nicht voneinander trennen, aber ich würde mich nicht als Stadtentwickler bezeichnen. Wir kümmern uns um den Markenkern von Berlin, der sich in einem chaotischen Prozess selbst geschaffen hat. Unsere Aufgabe ist es, dieses Kleinod zu behüten.

IGA: Ist der chaotische Selbstfindungsprozess, der das heutige Berlin ausmacht, überhaupt in einer Marketingstrategie planbar?

BK: Viele Städte versuchen es und erreichen es nie. Man muss erst zerstört und dann geteilt werden, völlig verarmen und in zwei unterschiedlichen Mentalitäten aufwachsen. Ich würde diesen Weg niemandem empfehlen, da der Ausgang ungewiss ist. In Berlin hat es funktioniert. Die jüngere Geschichte Berlins ist, wenn Sie so wollen, eine griechische Parabel. Wir kamen von relativ weit oben und lagen dann am Boden. Erst wer ganz unten ist, kann auch wieder aufsteigen.

IGA: Hat die Hauptstadtentscheidung einen Einfluss darauf gehabt, wie Berlin sich entwickelt, oder ist das unabhängig voneinander zu betrachten?

Das ist eine gute Frage, ich habe sie mir noch nicht gestellt. Politische Macht ist natürlich auch sexy. Dass die Regierung in Berlin sitzt, ist ein Gegenbeweis zu all den Stimmen, die behaupten, dass Berlin es nicht bringt. Berlin verkörpert heute keinen globalen imperialen Anspruch und ist eher unprätentiös. Das entspannt die Menschen und beruhigt unsere Nachbarn. Sie besuchen Berlin und sagen: „Hey, von hier droht keine Gefahr!“.

IGA: Mit 3,4 Millionen Einwohnern, einer Fläche von 892 Quadratkilometern und 2.500 Grünanlagen ist Berlin nicht nur die größte, sondern auch die grünste Stadt in Deutschland. Wird das international so wahrgenommen?

BK: Sobald man einmal hier ist, kann es einem schwer entgehen. Und wir versuchen dafür zu sorgen, dass all jene, die noch nicht hier waren, es schon vorher wissen! Unser Motto lautet: „Berlin ist Adrenalin und Chill Out zugleich“. Wenn man die vielen verschiedenen Eindrücke, die die Stadt einem bietet, nicht mehr verarbeiten kann, dann geht man kurz in den Park um die Ecke und kann zu sich selbst finden. Das ist das Besondere an Berlin.

IGA: Berlin hat bereits die „Berlin Art Week“, die „Berlin Fashion Week“ aber noch keine „Berlin Park Week“. Wie kann man die grüne Seite Berlins noch stärker in den Fokus rücken?

BK: visitBerlin betreut über 1.000 Journalisten jährlich, die wir nach Berlin einladen. Wir versuchen ihnen genau diese Kombination aus Adrenalin und Chill Out zu zeigen. Dazu gehören der Natur-Park Schöneberger Südgelände, die Gärten der Welt, der Park am Gleisdreieck aber auch die vielen Straßenbäume. Insbesondere im Sommer fällt allen, die neu hierher kommen, die ganz besondere Atmosphäre auf.

IGA: Welche Akzente kann die Internationale Gartenausstellung 2017 in Berlin hierbei setzen?

BK: Die IGA kann diese Wahrnehmung weiter verfestigen. Und sie sollte keine „Blümchenschau“ werden, sondern an den kreativen Geist und die Vorreiterrolle Berlins anknüpfen. Das ist die Aufgabe aber auch die Herausforderung der IGA!

IGA: Marzahn-Hellersdorf, der Gastgeber-Bezirk der IGA 2017, erlebt gerade eine Trendwende. Das Tacheles Künstlerkollektiv hat dort ein neues Zuhause gefunden, viele Kulturschaffende und junge Familien ziehen nach. Wie kann Berlin seine Peripherie in die Stadt „integrieren“?

BK: Ich hoffe sehr, dass mit der IGA auch eine neue Sichtbarkeit und Lesart der Ränder der Stadt einhergeht.

IGA: Wäre das von Ihrer Seite eine der Erwartungen?

BK: visitBerlin arbeitet sehr intensiv daran, die Ströme der Besucher – auch in Richtung Wasser, nach Spandau und Köpenick – zu entzerren, um neben der Museumsinsel und dem Pariser Platz in Berlins Mitte andere Facetten der Stadt zu zeigen. Die IGA ist daher eine Riesenchance für Marzahn-Hellersdorf, um aus dem „Stiefmütterchendasein“ am Rand der Stadt herauszukommen. Es gibt hochengagierte Menschen vor Ort, für die ich mich freue, wenn die IGA ein Erfolg wird. Mit der IGA als Ankerpunkt haben sie eine gute Chance, im Bezirk etwas zu bewirken. Trotzdem sollte die IGA auch Wurzeln in der Stadt schlagen. Das wäre eine gute Strategie. Die IGA muss eine Schlingpflanze sein – eine Liane, die ganz schnell in alle Richtungen wächst!

IGA: Wie könnte das Zusammenspiel von Natur und Stadt Ihrer Meinung nach zukünftig aussehen?

BK: Berlin ist in der besonders guten Lage, so viel grünes Umland zu haben. In Städten wie Shanghai oder London wird es irgendwann Hochhäuser geben, die nur aus Gärten bestehen – davon bin ich überzeugt. Da man nicht mehr in der horizontalen Fläche bauen kann, wird man die Vertikale nutzen. In Berlin wird das noch eine Weile auf sich warten lassen.

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

BK: Ich komme nicht aus Berlin, diese Eigenschaft teile ich mit 52 Prozent der hier ansässigen Restbevölkerung. Und ich bin wunderbarerweise von dieser Stadt absorbiert worden und habe mich auch gerne absorbieren lassen! Jetzt werde ich in vielerlei Hinsicht von Berlin „verstoffwechselt“..

 
Das Gespräch führten Kerstin Gust und Jeannine Koch.