Berliner Pflanze / Burkhard Schricker

Burkhard Schricker – Bienenforscher

Burkhard Schricker, Jahrgang 1937, studierte Biologie in Berlin, München und Frankfurt am Main, wo er 1965 promovierte. Er ist ein Schüler des Wiener Biologen und Nobelpreisträgers Karl Ritter von Frisch (1886–1982). 1975 wurde Burkhard Schricker als Professor an das Zoologische Institut der Freien Universität Berlin berufen, wo seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte neben Wespen, Hornissen und Ameisen insbesondere auf Bienen lagen. Bereits ab den 1960er Jahren widmete er sich der Lebensweise von Bienenvölkern im städtischen Umfeld und war einer der Pioniere der urbanen Stadtimkerei. 2003 emeritierte Schricker, er ist aber weiterhin ein gefragter Experte und Referent zu Themen der Bienenhaltung und -erforschung.

Burkhard Schricker | Berliner Pflanze - Station ID

Wir haben Burkhard Schricker zum Interview auf das Dach des Rathauses in Marzahn-Hellersdorf gebeten. Hier unterhält der Imker Paul Bieber im Rahmen der Initiative „Deutschland summt“ seit Mai 2012 mehrere Bienenstöcke. Die fleißigen Pollensammlerinnen sind die ersten Vorboten der Internationalen Gartenausstellung, die 2017 den Bezirk ins gärtnerische Zentrum rückt. Zum Zeitpunkt des Gesprächs halten die Bienen bereits Winterruhe.

IGA: Herr Schricker, wie kam es zu Ihren frühen Versuchen, Bienen in der Stadt zu halten? Was sollte untersucht werden und was waren die überraschendsten Ergebnisse Ihrer urbanen Feldforschung?

BS: Ich habe in München studiert und war damals am Lehrstuhl von Karl von Frisch. Dort habe ich meine Doktorarbeit in Bienenforschung begonnen. 1961 haben wir unter seiner Leitung in München einen sogenannten Umwegversuch mit Bienen durchgeführt. Wir wollten wissen, wie die Bienen ihren Stockkameraden Umwege, wie beispielsweise Änderungen in der Entfernung oder Flugrichtung, mitteilen. In unserem Feldversuch sollten die Bienen ein zwölfgeschossiges Hochhaus überfliegen.
Der Versuch bestätigte uns für die Stadt, was in der Natur üblich ist: Bienen fliegen und sammeln auch in der dritten Dimension.

IGA: Welche Standorte sind für die Bienenstöcke einer Stadtimkerei besonders geeignet? Welche Eigenschaften sollte ein guter Imker mitbringen?

BS: Es müssen Grün und viele Pflanzen da sein! In Berlin sind wir natürlich in einer guten Situation, was teilweise historisch bedingt ist. Bereits in den 1970er Jahren haben wir mit den Kleingartenvereinen initiiert, dass Parzellen für die Bienenhaltung und für Imker freigehalten wurden. Den Gärtnern kam das sehr entgegen. Die Bestäubung ihrer Obstbäume und Blumen war damit gesichert.
Die Bienenhaltung brachte aber auch Nachteile mit sich, denn Bienen können natürlich auch stechen. Es musste eine Regelung im Nachbarschaftsrecht gefunden werden, das Bienenhaltung erlaubte. Wenn Imker über mehrere Jahre in Laubenkolonien angesiedelt waren leitete sich daraus eine Ortsüblichkeit ab. Heute ist das der Fall und das ist auch unser Verdienst.
Ein wichtiger Punkt ist aber die Bienenhaltung. Es beginnt mit der sorgfältigen Aufstellung der Anlage und reicht bis zur intensiven Betreuung der Völker. Der Imker muss ein sehr sorgsamer Mensch sein. Bienenhaltung ist auch ein Hobby, unter Umständen aber ein sehr ernsthaftes. In den letzten zehn bis 15 Jahren haben wir viel getan, um junge Leute für die Stadtimkerei zu begeistern. Heute gibt es in Berlin rund 1000 Imker in 14 Vereinen.

IGA: In New York City lag die urbane Landwirtschaft Anfang der 1970er Jahre in den Händen von Wissenschaftlern und Aktivisten. Heute ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. War diese Entwicklung damals schon absehbar?

BS: Nein, der heutige Erfolg war nicht unbedingt absehbar. Als ich nach Berlin kam haben wir im dritten Stock des Aquariums einen Beobachtungsstock aufgestellt und die Bienen flogen zum Sammeln in den Zoologischen Garten. Anfang der 1970er Jahre habe ich in meiner Zeit am Rockefeller Institute for Medical Research (heute Rockefeller University, Anm. d. Redaktion) auch in New York City urbane Bienenhaltung initiiert. Ein Imker, dem ich damals dabei half, wollte Bienenstöcke im Central Park aufstellen. Die Parkordnung erlaubte keine Tierhaltung, obwohl es einen Zoo gab. Der Imker wohnte neben dem New York City Museum und sein Haus hatte ein begehbares Dach, auf dem die Stöcke aufgestellt werden konnten.
Das brachte den Stein ins Rollen. Bei meinen nächsten Besuch waren es bereits zwölf Imker, die ihre Bienenstöcke auf Dächern postiert hatten. In der Bronx gab es bald einen Imkerverein. Und so ging es immer weiter. Urbanes „beekeeping“ breitete sich auch in anderen amerikanischen Städten aus. Mit dem Sprung über den Pazifik erreichte es Hongkong und Singapur. Von dort aus ging es nach Europa weiter und kam schließlich nach Berlin. Es hat einige Jahrzehnte gedauert aber nun ist es als breite Bewegung da!

IGA: Großflächige landwirtschaftliche Monokulturen und der Einsatz von Gentechnik und Pestiziden werden häufig mit dem Bienensterben in Zusammenhang gebracht. Ist der städtische Lebensraum für Bienen heute das „natürlichere“ Umfeld?

BS: Ja und nein, aber hauptsächlich ja! Besonders in einer Stadt wie Berlin, die so einen abwechslungsreichen Speisezettel für Bienen bietet, sind die Lebensbedingungen wunderbar. Bienen sammeln vom Frühjahr bis in den Herbst hinein Nahrung und finden immer etwas.
Sie haben einen Sammelradius von einem bis maximal dreieinhalb Kilometern. Auf dieser Fläche müssen sie ihre Tracht finden oder, wie in der Stadt, auch in der dritten Dimension. Der großflächige Anbau von Mais und Raps schränkt ihre Nahrungsvielfalt stark ein. Bei der Behandlung der Pflanzen mit systemischen Insektiziden, die über die Wurzeln bis in die Blüten vordringen, kommen die Bienen mit Nervengiften in Kontakt und finden nicht mehr nach Hause. Die heutige Landwirtschaft birgt also viele Gefahren für Bienen, denen man entgegenarbeiten muss.

IGA: Ist es richtig, dass die Berliner Biene – die Apis mellifera carnica, auch Krainer-Biene genannt – besonders sanftmütig gezüchtet worden ist? Welche Faktoren beeinflussen den Charakter einer Biene und welche Eigenschaften sind für Berlin besonders wichtig?

BS: Bienen gibt es seit einhundertmillionen Jahren. Unsere Honigbiene hat viele geografische Unterarten, was mit ihrer Stammesgeschichte zusammenhängt.
Die Apis mellifera carnica, auch Krainer-Biene oder Kärntner Biene genannt, ist besonders friedfertig – aber auch sammelwütig und schwarmunlustig. Das alles sind Eigenschaften, die für ein städtisches Umfeld besonders günstig sind. Sie ist eine ausgesprochene Großstadtbiene, mit der man auch auf engstem Raum gut umgehen kann, wenn man sie richtig behandelt.
Ein guter Bienenkenner kann genau erkennen, welche Eigenschaften ein Volk auszeichnet, um so zu entscheiden, von welcher Königin Nachkommen gezogen werden. Man kann also gezielt züchten und bestimmte Charakteristika weitergeben.

IGA: Was sind Ihre Erwartungen an die IGA Berlin 2017? Welche Botschaften für die urbane Natur sollten aus der Sicht des Bienenforschers von der IGA ausgehen?

BS: Ich würde mir wünschen, dass die IGA den Stadtmenschen die Natur wieder nahe bringt. Und zwar die wirkliche Natur vor Ort und nicht an einem Bildschirm. Es ist besonders wichtig, dass man auf diese Art eine gewisse Harmonie im Zusammenleben von Pflanzen, Tieren und Menschen herstellt. Das ist das Schöne an diesen Gartenausstellungen mit so großer Besucherresonanz! Es gibt Aha-Momente – auch für Erwachsene – sonst haben sie immer nur die Kinder. Man sollte den Besuchern die Möglichkeit für schöne Spaziergänge geben. Ganz beiläufig können sie dabei Pflanzen, eine wunderschöne Flora und die Bestäuber in ihrer natürlichen Umgebung erleben und entdecken. So kann man den Menschen auch die Bienen näher bringen.

IGA: Welche Erwartungen haben Sie an die IGA, wenn es um urbane Landwirtschaft und um die Produktion von Nahrungsmitteln geht? Was sind Ihre Wünsche, die sie der IGA mit auf den Weg geben möchten?

BS: Ich kann nur für die Honigproduktion sprechen. Man sollte den Bestand der Laubenkolonien sichern, um eine gleichmäßige Verteilung der grünen Flora zu erhalten. Auch die Pflege der Stadtbäume, insbesondere der bienenfreundlichen Arten mit vielen Blüten, ist von besonderer Bedeutung.

IGA: Das IGA-Gelände wird sich 2017 auf rund 103 Hektar erstrecken. Zusätzlich bilden rund 66 Hektar die sogenannte IGA-Umgebung. Wieviele Bienenvölker und IGA-Imker könnten auf dieser Fläche angesiedelt werden?

BS: Ein Imker kann zwischen fünf und 20 oder sogar bis zu 100 Bienenvölker halten, also möchte ich lieber bei der Anzahl der Bienenvölker bleiben. Auf dem IGA-Gelände ist die gleichmäßige, netzartig angeordnete Verteilung der Bienenstöcke wichtig. Ansonsten kann es zu Räubereien kommen und starke Bienenvölker plündern die Stöcke der Schwächeren, um an Futter zu gelangen. Auf der Fläche könnte man unter Umständen bis zu 500 Völker ansiedeln. Und es wäre schön, wenn die IGA einen Schautag veranstaltet, bei dem die Besucher einen Beobachtungsstock und Schauvölker besichtigen könnten! Vielleicht hinter einer Glasscheibe, an der die Kinder sich ihre Nase platt drücken können ...

IGA: Was wäre die bevorzugte Berliner Pflanze für städtische Bienen und wo findet sie sich?

BS: Berlin hat einen Prachtboulevard, die Straße „Unter den Linden“, die – wie schon ihr Name andeutet – von Lindenbäumen gesäumt ist. Ich habe in Berlin immer dafür geworben, möglichst viele Linden anzupflanzen, da sie für Bienen besonders geeignet sind. Damit wir alle etwas davon haben und nicht nur die Bienen wäre mein Vorschlag: Bäume pflanzen, Bäume pflanzen, Bäume pflanzen ... Wir müssen in der Stadt die dritte Dimension ausnutzen!

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

BS: Ich bin ein echter Berliner und in Lichterfelde geboren.

 

Das Gespräch führten Kerstin Gust und Jeannine Koch.