Berliner Pflanze / Dr. Kaja Tael

Kaja Tael – Botschafterin Estlands

Kaja Tael, Jahrgang 1960, wurde in Tallinn geboren. Sie schloss 1983 ihr Studium der Estnischen Philologie an der Universität Tartu ab und promovierte 1989. Von 1991 bis 1995 leitete sie das Estonian Institute, das offizielle Organ der staatlichen estnischen Kulturpolitik und arbeitete unter anderem von 1995 bis 1998 als Beraterin des Präsidenten Lennart Meri (1929–2006). Seit 2012 ist Kaja Tael Botschafterin der Republik Estland in der Bundesrepublik Deutschland. Estland ist das Partnerland der Grünen Woche 2014, die vom 17. bis 26. Januar 2014 in Berlin stattfindet. Die IGA Berlin 2017 traf Kaja Tael zum Gespräch über mythische Wälder, grüne Lebenskonzepte und heimische Kulinarik im Botschaftsgebäude am Rand des Tiergartens in Berlin.

IGA: Frau Tael, wie viele Esten leben in Berlin?

KT: Ich kann es nicht genau sagen, da man in Estland nicht anmelden muss, wenn man im Ausland lebt. Ich schätze, dass 5.000 bis 6.000 Esten in ganz Deutschland leben, aber nur wenige davon in Berlin. 

IGA: Man sagt den Esten nach, dass sie hart arbeitend, zuverlässig, klug, innovativ und freundlich seien. Könnte man sie auch als naturverbunden und umweltbewusst bezeichnen? Welches Verhältnis haben Ihre Landsleute zur Natur?

KT: Die Esten sind eines der sesshaftesten Völker in Europa und von der Natur und unserem wunderschönen Land geprägt. Die Natur ist unser Zuhause, unsere Heimat und man kann sie als freundlich und „gelassen“ bezeichnen. Wir haben keine Naturkatastrophen oder extremen Wetter. Die Natur und das Meer sind fest im Bewusstsein der Esten verankert und spielen für die Wirtschaft aber auch für unsere Seele eine große Rolle. 

IGA: Wie stark sind Sie von der Landschaft ihrer Heimat geprägt? Was empfinden Sie als besonders typisch für Estland, was vermissen Sie?

KT: Ich vermisse das Meer, die wunderbare Küste und die Sonnenuntergänge! Ich komme aus Tallinn und die weitläufigen fast menschenleeren Strände sind ganz typisch für die Stadt und für ganz Estland. Es gibt viel Raum für alle.

IGA: Rund die Hälfte der Landesfläche Estlands wird von Wald eingenommen, um den sich viele nationale Mythen ranken. Ist der Wald als Kulturgut im Bewusstsein verankert oder nach wie vor als Natur- und landwirtschaftlicher Nutzraum? 

KT: Viele estnische Märchen spielen in den Wäldern, in denen es mythische Zwerge und vieles mehr gibt. Aber auch in unserer jüngeren Geschichte spielt der Wald eine große Rolle. Er war der Zufluchtsort der sogenannten Waldbrüder – Partisanen, die im Widerstandskampf gegen die sowjetische Besatzungsmacht ab 1940 Schutz in den Wäldern suchten. Sie wurden zum Mythos, da es in der Sowjetunion verboten war über Sie zu sprechen. Sie sehen, bei uns ist der Wald mehr als nur Wald! Aber natürlich ist die Forstwirtschaft auch ein wichtiger Wirtschaftszweig.

IGA: Estland ist das Partnerland der Grünen Woche 2014, der weltgrößten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Wie wird sich Estland präsentieren – modern oder eher traditionell? Gibt es Themenschwerpunkte?

KT: Die Esten sind ein traditionelles Volk mit modernen Werten und einer zukunftsorientierten Gesellschaft. Der klassischen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion steht eine digital hochgradig vernetzte Gesellschaft gegenüber, in der die Stadt und der Bürger primär über E-Services kommunizieren. Seit etwa 2007 ist der Zugang zum Internet in Estland ein Menschenrecht und die Infrastruktur ist heute dementsprechend gut. Wir sind ein kleines Land und das ist die Zukunft! Diesen Einklang aus Tradition und Moderne in Estland möchten wir auch auf der Grünen Woche präsentieren. 

IGA: Die estnische Küche scheint eher deftig und gehaltvoll zu sein. Wie kocht die junge Generation? Zeichnen sich hier internationale Trends und eine neue Kulinarik ab? 

KT: Die traditionelle und die moderne Küche sind in Estland sehr verschieden. Wichtige Aspekte für uns sind aber der lokale, regionale Anbau, die saisonale Ernte und frische Verarbeitung. Der Selbstanbau von Gemüse, Obst und Kräutern hat in Estland eine lange Tradition. Eines der berühmtesten Restaurants des Landes verfügt über einen eigenen Garten mit Anbaufläche, ein anderes Restaurant in Tallin schickt seine Mitarbeiter in den Wald, um frische Pilze und Beeren für die Tagesmenüs zu sammeln.

IGA: Welchen Anteil hat die ökologische Landwirtschaft bei der Lebensmittelproduktion? Gibt es einen öffentlichen Diskurs zu Fragen der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung?

KT: Die Fläche für Ökolandbau in Estland ist eine der größten in Europa und ihr Anteil an der nationalen landwirtschaftlichen Produktion beträgt bereits 15 Prozent. Aber wir könnten mehr tun, insbesondere in der Vermarktung, denn die Nachfrage ist groß. Viele Bauern kümmern sich nicht um die Kennzeichnung ihrer Produkte, obwohl sie ökologisch anbauen. Traditionell wird in Estland viel auf Märkten eingekauft, die von kleinen Bauernhöfen und lokalen Betrieben beliefert werden. Das stärkt die lokale nachhaltige Produktion und schont Ressourcen.

IGA: Neben dem finnischen Turku war Tallinn 2011 europäische Kulturhauptstadt. Wie hat dieses Großereignis Tallinn und Estland verändert? Welche nachhaltigen Effekte sind davon ausgegangen? Gibt es Erfahrungen, die Sie der IGA Berlin 2017 mit auf den Weg geben können?

KT: Tallinn hatte als Motto die „Geschichten vom Meer“ gewählt. Es war ein naheliegendes aber gleichzeitig auch bedeutendes und wichtiges Thema für Estland, da während der Sowjet-Zeit viel Strand entlang der Küste abgesperrt war. 2011 sollte sich Tallinn wieder zum Meer öffnen. Mit dem „Kulturkilometer“, einer Promenade entlang der Küste, und dem Meeresmuseum, das allerdings erst 2012 eröffnet hat, sollte das Meer wieder im Bewusstsein der Esten verankert werden. Neben den Bauprojekten gab es also von Anfang an eine thematische Metaebene, die noch heute nachhaltig wirkt. Darüber hinaus ist vieles positiv in Erinnerung geblieben. Insbesondere das Öko-Theater, ein temporärer Bau aus Stroh, in dem viele Aufführungen stattgefunden haben, zählt dazu. Auch Emotionen können nachhaltig sein!

IGA: Mit dem „Tallinn International Flower Festival“, neuen Studiengängen an der Estonian Unversity of Life Siences in Tartu aber auch mit dem historischen Erbe der Gartenkunst könnte Estland zukünftig ein innovativer Impulsgeber im Bereich der Garten- und Landschaftsgestaltung sein. Sehen Sie das auch so? Was könnte die IGA von Estland lernen?

KT: Es gibt eine lange Tradition der Garten- und Landschaftsgestaltung in Estland, die bis in das 16. Jahrhundert zurückreicht. Das ist allgemein nicht so bekannt aber sicher ein Grund, warum auch heute die Gartenkunst ein Thema ist. Außerdem sind die Esten große Blumenliebhaber. Selbst die Bauern haben neben ihren Nutzgärten immer auch einen eigenen Blumengarten. In Türi, unserer „Blumenhauptstadt“, gibt es einen sehr berühmten und beliebten Blumenmarkt. Ich bin leider keine Expertin in diesen Fragen und kann nur Hinweise geben.

IGA: Im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen ist Berlin sehr grün. Haben Sie das auch so empfunden als Sie herkamen?

KT: Auch ich empfinde Berlin als sehr grün – selbstverständlich, wir sind doch mitten im Tiergarten!

IGA: Was ist Ihr Lieblingsort in Berlin, wie haben Sie ihn gefunden?

KT: Ich bin mit meinem Hund Taibu nach Berlin gekommen und habe die Stadt sozusagen mit Hundeaugen wahrgenommen (lacht). Wir sind gerne im Tiergarten und im Grunewald unterwegs und kennen beides wie unsere Westentasche. Dort haben wir viele Entdeckungen gemacht. 

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

KT: Das Leben mit Hund ist ein „grünes Konzept“ – man ist viel draußen und in der Natur. Hunde sind in Berlin sehr willkommen und ganz typisch für die Stadt. Das macht mich zu einer Berliner Pflanze.

Das Gespräch führten Kerstin Gust und Jeannine Koch.