Berliner Pflanze / Hannah Lisa Linsmaier

Hannah Lisa Linsmaier - himmelbeet

Hannah Lisa Linsmaier ist Gründerin der gemeinnützigen GmbH „himmelbeet“. Über den Dächern des Weddings soll in 22 Metern Höhe auf zwei mal 6.000 Quadratmetern ein Garten mit Gemüse und Kräuterpflanzen entstehen – für den Eigenbedarf und den Verkauf in der Nachbarschaft. Der Anbau soll im nächsten Jahr auf zwei Parkdecks des Schillerparkcenters beginnen. Bevor aber in luftiger Höhe im dann größten öffentlichen Dachgarten Europas gegärtnert werden kann, müssen bestimmte bauliche Voraussetzungen geschaffen werden – von der Statik bis zum Brandschutz. Deshalb gärtnern die himmelbeetler momentan auf einer Interimsfläche, in der Ruheplatzstraße 12 in Wedding, traditionell auf ebener Erde.

Wir haben Hannah Lisa Linsmaier in ihrem Garten an der Ecke Schulstraße/Ruheplatzstraße besucht, in dem auch an diesem späten Mittwochnachmittag reger Betrieb herrscht. Vor dem Gartencafé sitzt ein älteres Ehepaar, am Nebentisch erholen sich zwei junge Frauen vom Unkrautjäten mit selbstgemachter Limonade und beobachten die Vorbereitungen der neuen Anbau- und Spielflächen für die benachbarte Kita. Hannah Lisa Linsmaier klärt noch schnell ein paar Fragen mit der Steuerberaterin, bevor sie uns über das rund 1.700 Quadratmeter große Gartenareal führt.

IGA: Kaum zu glauben, dass Sie die Fläche erst vor anderthalb Monaten eröffnet haben und die himmelbeet-Initiative überhaupt erst seit gut einem Jahr aktiv ist.

HL: Ja, wir sind selbst immer noch überwältigt von dem großen Zuspruch, den unser Projekt schon vor der Eröffnung des himmelbeet-Gartens am 16. Juni erhalten hat. Unser Kernteam von 11 Leuten wird mittlerweile regelmäßig von etwa 100 Freiwilligen unterstützt und für die insgesamt 141 Pachtbeete existieren schon Wartelisten. Täglich kommen neue Leute vorbei, die sich wundern, was hier passiert und dann ganz schnell begeistert sind und mitmachen wollen.

IGA: Dabei wussten Sie vor drei Monaten noch nicht einmal, wo und ob Sie überhaupt einen Garten eröffnen können. Das Schulamt hat Ihnen dann kurzfristig diese Brache hier zur Verfügung gestellt.

HL: Ja, unser himmelbeet wurden von Anfang an im Kiez sehr unterstützt. Als wir beispielsweise im Frühjahr Pflanzenpaten gesucht haben, die uns bei der Aufzucht von Jungpflanzen helfen, haben sich über 200 Menschen gemeldet – von der Studenten-WG, über die Schulklasse bis hin zur älteren Dame. Sie alle haben ein Stück himmelbeet bei sich zu Hause aufgenommen und es uns mittlerweile auch wieder zurückgebracht.  

IGA: Wollen Sie überhaupt noch auf’s Dach?

HL: In der Tat würden wir gerne unseren Garten am Boden behalten. Dass der so gut angenommen wird, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass man ihn im Vorbeigehen entdecken kann. Aber ja, wir wollen nach wie vor auf das Dach. Die ersten Testbeete haben wir dort schon angelegt und hoffen, dass wir zusammen mit dem Eigentümer in Sachen Brandschutz bald weiterkommen. Im nächsten Jahr würden wir gerne neben unserem Herzstück hier an der Ruheplatzstraße den himmelbeet-Satelliten auf unserem Traumdach eröffnen.

IGA: Warum wollen Sie mit einem Nachbarschaftsgarten so hoch hinaus?

HL: Am Anfang ging es gar nicht um das Gärtnern, sondern um die Belebung der Fläche. Der Real-Supermarkt wollte die seit langem nicht mehr genutzten Parkdecks gerne bespielen. Gemeinsam mit anderen Aktiven aus dem Kiez, das ja Sanierungsgebiet ist, habe ich mir die Fläche angeschaut und gedacht: Mensch, eigentlich wäre hier ein Garten wunderbar! Diese Idee fand beim Supermarkt großen Zuspruch und dann haben wir gemeinsam überlegt, wie sich das umsetzen lässt.

IGA: Dann ist das Gärtnern Mittel zum Zweck, um in der Nachbarschaft etwas zu bewegen?

HL: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich selbst habe eine Parzelle in den Bauerngärten in Blankenfelde und eine Leidenschaft fürs Gärtnern. Aber es stimmt, es ging uns darum, dass sich möglichst viele Menschen beteiligen und individuell einbringen können. Und dafür ist Gärtnern ideal – es funktioniert über Sprach-, Alters- und Einkommensgrenzen hinweg. Es war schnell klar, dass das himmelbeet eine Kombination sein sollte aus Gemeinschaftsgarten und Pachtbeeten.

Heute gärtnern hier tatsächlich verschiedene Generationen und Nationalitäten zusammen: Wir kooperieren mit der Kita gegenüber, dann gibt es da die Nachbarskinder, die regelmäßig zu uns kommen – da ist die Jüngste vier Jahre alt. Zu unseren Unterstützern zählt ein 75-jähriger Herr aus dem Kiez, der uns Tomaten vorzieht, damit wir sie verkaufen können. Er hat uns auch einen Karteikasten mit über 100 handbeschriebenen Karten zu Heilkräutern geschenkt. Außerdem ist da ist der Kiezpolizist, der hier seine Sonnenblumen anbaut und sich sehr für uns einsetzt. Eine Dame aus China bringt uns immer wieder Samen mit. Und ab Ende Juli bietet zum Beispiel eine türkische Kräuterexpertin bei uns Workshops an.

IGA: Die gärtnerische Expertise im himmelbeet wächst also mit den Menschen, die hier mitarbeiten.

HL: Absolut, ich selbst habe Romanistik und Kunstgeschichte studiert und bin keine Gartenexpertin. Aber wir haben ausgebildete Gartenbauer bei uns im Team, Architekten und zum Beispiel eine Naturschutzexpertin, die nun als Rentnerin bei uns die Pachtbeetberatung übernimmt. Wir stehen zudem im engen Austausch mit anderen Projekten wie dem Allmende Kontor auf dem Tempelhofer Feld oder den Prinzessinengärten. Es ist sehr viel Wissensaustausch da und sehr viel Lernen von einander und miteinander.

IGA: Ein wichtiges Thema sind die regionalen und alten Pflanzensorten.

HL: Ja, darauf liegt unser Fokus im Gemeinschaftsgarten. Wir möchten dazu anregen, alte Pflanzen wiederzuentdecken und damit Neues auszuprobieren. Es ist einfach schöner, Vielfalt im Garten zu haben und ökologisch zu gärtnern. Chemischer Dünger und Hybrid-Saatgut ist bei uns auch auf den Pachtbeeten nicht erlaubt. Das sieht dann vielleicht nicht alles so genormt aus wie im Supermarkt – aber es schmeckt toll. Die Goldforelle etwa ist ein wunderbarer Salat oder die Rote Melde, deren Blätter man wie Spinat zubereiten kann. Momentan wachsen hier auch noch Berliner Gelber, ein milder Gartensalat, oder Pimpinelle, die zu den Kräutern zählt.

IGA: Was passiert mit der Ernte aus den Gemeinschaftsbeeten?

HL: Alles was hier wächst, wird im Café verarbeitet oder verkauft. An der Eingangstafel steht immer, was gerade geerntet werden kann. Heute gibt es zum Beispiel unter anderem Erdbeerspinat, Sauerampfer, Radieschen, Dill und Mangold.

IGA: Die Einnahmen aus dem Verkauf und den Pachtbeträgen, die ja für eine Saison nur 50 EUR pro Beet betragen, reichen aber vermutlich nicht, um das Projekt zu finanzieren, oder?

HL: Das stimmt. Wir haben uns mittlerweile als gemeinnützige GmbH organisiert und erhalten viele Spenden. Es gibt Unternehmen, die uns unterstützten und Institutionen wie die Stiftung Interkultur oder das Aktive Zentrum Müllerstraße, die uns fördern. 2012 haben wir im Rahmen des Deutschen Naturschutzpreises ein Preisgeld erhalten. Außerdem veranstalten wir Team-Building-Workshops und übernehmen mittlerweile auch Gartenbauaufträge. Aber wir freuen uns natürlich immer über neue Unterstützer.

IGA: Was für ein Ort könnte das himmelbeet in fünf Jahren sein? Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Zukunft?

HL: Ich glaube, dann gibt es ganz viele himmelbeet-Gärten, hoffentlich auch auf dem Dach. Nicht nur in Berlin, sondern in verschiedenen Städten und vielleicht sogar in anderen Ländern. Das Herzstück befindet sich aber nach wie vor hier im Wedding. Und in den Gärten wird nicht nur gegärtnert. Es soll dort – wie auch bereits jetzt im himmelbeet – verschiedene Programme und Veranstaltungen geben.

IGA: Sind Sie jetzt eigentlich hauptberuflich urbane Gärtnerin?

HL: Mittlerweile schon. Das ist seit letztem Herbst mein Full-Time-Job. Wir haben außer montags hier täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet und wenn ich nicht hier bin, kümmere ich mich gemeinsam mit vier anderen von unserem Büro aus ums himmelbeet.

IGA: Und was erwartet man als urbane Gärtnerin von einer Internationalen Gartenausstellung?
    
HL: Ich würde mir eine erfahrbare IGA wünschen, mit ganz vielen Sachen zum Mitmachen. Ganz viel für Kinder -  Reingehen, Anfassen, Selbermachen.

IGA: Was macht Sie zur Berliner Pflanze?

HL: Ich bin gebürtige Münchnerin, vor zehn Jahren zum Studium nach Berlin gekommen und seitdem hier geblieben. Unser Projekt hat sich quasi aus dem Nichts entwickelt und ich finde es unglaublich, dass durch so viel Energie von so vielen Seiten so viel entstanden ist. Vielleicht macht das eine „Berliner Pflanze“ aus: einfach etwas auf die Beine zu stellen, mutig zu sein und zu springen, ohne zu wissen, ob man erfolgreich landet. Und, dass das so oft funktioniert und so viele wagen – ich glaube, das gibt es nur in Berlin. Dass unser himmelbeet so schnell von der Idee zum echten Garten gewachsen ist, hat auch sehr viel mit dem Stadtteil Wedding zu tun, mit den Menschen, die hier leben und den Räumen, die sich hier bieten.

Das Gespräch führten Franziska Eidner und Jeannine Koch.

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