Berliner Pflanze / Karoline vom Böckel

Karoline vom Böckel – Naturmedizinerin & Nachhaltigkeitsbeauftragte der Berliner Malzfabrik

Was man zum „Tomatenfischen“ braucht, warum der Löwenzahn zu Unrecht unterschätzt wird und wie eine alte Mälzerei zum Pilotprojekt grüner Lebens- und Unternehmenskultur werden kann, verriet uns Karoline vom Böckel im Berliner Pflanze IGA-Interview.

Karoline vom Böckel | Berliner Pflanze

Ob stressgeplagte Manager, visionäre Stadtbauern oder umtriebige Immobilienentwickler – Karoline vom Böckel (33) begegnet ihnen mit der gleichen Offenheit und dem Anspruch, durch ganzheitliches Denken und Handeln nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben. Die Heilpraktikerin betreibt nicht nur ihre eigene Naturheilpraxis. Seit 2011 ist sie zudem Nachhaltigkeitsbeauftragte der Berliner Malzfabrik, ein Kreativzentrum für Kultur, Design und Produktion auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Mälzerei in Berlin-Tempelhof. Dort hat sie unter anderem auch das Startup „ECF Farmsystems“ mit auf den Weg gebracht, das Fischzucht und Gemüseanbau in großem Stil mitten in der Stadt realisieren will. Außerdem ist Karoline vom Böckel ehrenamtliche Beisitzende im Sachverständigenbeirat für Naturschutz und Landschaftspflege der Berliner Senatsverwaltung und trägt dazu bei, dass die Berliner Stadtlandschaft auch weiterhin naturbelassene Freiräume bietet.

IGA: Sie sind Heilpraktikerin in der vierten Generation, das Interesse für Pflanzen und ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus wurde Ihnen also offenbar bereits in Wiege gelegt?

Karoline vom Böckel: In gewisser Weise wohl schon. Mein Urgroßvater war Naturheiler und hat dieses Wissen an meinen Großvater weitergegeben. Der zählte zu den wenigen zugelassenen Heilpraktikern, die in der DDR praktiziert haben, ausgebildet wurde in dem Beruf nicht mehr. Mein Vater hat dann nach der Wende die Ausbildung absolviert. Es gibt da also schon eine gewisse Tradition in unserer Familie, die mein Interesse für Pflanzen und Naturmedizin sicher beeinflusst hat. Seit ich 25 bin – der frühestmögliche Zeitpunkt, um die Prüfung zur Heilpraktikerin zu absolvieren – habe ich in dem Beruf gearbeitet.

IGA: Wer kommt zu Ihnen? Nimmt Ihrer Meinung nach das Interesse an Naturheilverfahren zu?

KvB: Ich denke ja. Naturmedizin ist nicht mehr nur etwas für „Öko-Hippies“. In meine Praxis kommen ganz verschiedene Menschen, zunehmend auch jüngere Menschen, die sich für präventive Maßnahmen interessieren. Die fühlen sich ausgepowert, überarbeitet und wollen einem Burnout vorbeugen. Das ist mittlerweile auch eines meiner Hauptthemen geworden.

IGA: Das heißt, bei Ihnen kann man „Stressbewältigung mit Pflanzen“ lernen?

KvB: Wir nennen das „Ordnungstherapie“ (lacht). Da geht es in erster Linie um den Blick aufs Wesentliche – wie kommt man zur Ruhe, wann macht man zum Beispiel das Handy aus. Zusätzlich arbeite ich mit Pflanzen und Nahrungsergänzungsmitteln, um das gestörte Gleichgewicht im Körper wieder herzustellen und Abwehrkräfte zu stärken. Zu meinen Lieblingspflanzen zählen hier Gewächse, die sogenannte Senfölglykoside enthalten, zum Beispiel Knoblauch, Meerrettich, Zwiebeln. Deren Scharfstoffe wirken stark antibiotisch. Ich setze auch gerne Cystus ein, auch bekannt als Zistrose. Seit einigen Jahren weiß man aus wissenschaftlichen Studien, dass diese Heckenrose Viren sehr effektiv hemmen kann.

IGA: Haben Sie einen eigen Garten, wo Sie zum Beispiel Cystus anpflanzen?

KvB: Mein Garten ist 15.000 Quadratmeter groß. (lacht) So groß ist das Brachland in der Berliner Malzfabrik, für dessen Begrünung und nachhaltige Entwicklung ich unter anderem ja auch zuständig bin. Allerdings sind wir zu den Heilpflanzen noch nicht vorgedrungen. Das steht noch an. Natürlich ist es schön, wenn man im eigenen Garten für den Hausgebrauch Kräuter und Heilpflanzen anbaut. Aber ich arbeite stets mit standardisierten Präparaten, bei denen die Wirkstoffmenge genau bekannt ist. Naturheilkunde ist einerseits Erfahrungsheilkunde, die zum Teil auf sehr altes Wissen zurückgreift, andererseits wird auf dem Gebiet aber auch intensiv systematisch geforscht und wissenschaftlich untersucht, zum Beispiel wie einzelne Inhaltsstoffe von Pflanzen wirken. Beides zu verbinden, finde ich wichtig.

IGA: Seit mehr als drei Jahren beschäftigen Sie sich nicht nur mit der Nutzung von Pflanzen, sondern auch von Gebäuden und Flächen. Wie kommt man von der Naturheilpraxis in die Immobilienbranche?

KvB: In die alten Gemäuer der Malzfabrik habe ich mich sofort verliebt – das ist ein unglaublich tolles Gelände, das so viele Möglichkeiten eröffnet. Frank Sippel, der das Areal gekauft hat, hat mich mit seinem Enthusiasmus, seinen visionären Ideen von Beginn an dafür begeistern können. In der Schweiz, wo der Malzfabrik-Chef herkommt, ist das Thema Nachhaltigkeit für Unternehmer viel selbstverständlicher als hier. Deswegen hat er von Anfang an die Entwicklung der Malzfabrik auch mit ökologisch wie sozial und wirtschaftlich nachhaltigen Zielen verbunden. Mit der Malzfabrik wollen wir in Berlin etwas schaffen, das Schule macht. Und Frank Sippel fand wohl, dass das ganzheitliche Denken, was ich als Naturmedizinerin mitbringe – also Körper, Geist, Seele und Umwelt ins Gleichgewicht zu bringen – auch sinnvoll auf ein Unternehmen zu übertragen wäre.

IGA: Mittlerweile wurde die Malzfabrik als „Leuchtturmprojekt für wertebasierte Entwicklung“ mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Umweltpreis des BUND Berlin. Was macht Sie zum Leuchtturm in Sachen Nachhaltigkeit?

KvB: Wir – also unser mittlerweile zehnköpfiges Malzteam – möchten andere zum Nachahmen animieren und ein Konzept entwickeln, das man auch auf andere Immobilien übertragen kann. Wir haben zum Beispiel die „Green Steps“ entwickelt, mit denen wir Schritt für Schritt „grüner“ werden und gleichzeitig wirtschaftlich. Es gibt den „Green Guide“ für Veranstaltungen, und wir hoffen, nun bald den „Green Lease“, einen grünen Mietvertrag einzuführen. Es ist gar nicht so einfach, dafür die rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären. Wir möchten verbindliche Maßstäbe setzen, zum Beispiel bei der Auswahl des Stromanbieters. Momentan geben wir unseren Mietern Empfehlungen. Viele denken ja: Öko – das ist doch sehr teuer. Das stimmt aber nicht. Wir haben unser Büro in der Malzfabrik zum Beispiel komplett ökologisch eingedeckt. Vom Papier, über den Kaffee bis hin zu den Reinigungsmitteln. Das kostet nicht viel mehr, als wenn wir zu konventionellen Produkten greifen würden. Wir haben dafür intensiv recherchiert und stellen dieses Wissen über günstige und gute Öko-Produkte mit unseren „Green Tipps“ allen Nutzern zur Verfügung.

IGA: Das „grüne Konzept“ der Malzfabrik reicht ja von der Verwendung ökologischer Bausstoffe und Produkte über das Begrünen von Fassaden bis hin zur Bereitstellung von Ausbildungsplätzen. Zu Ihren Mietern zählen aber nicht nur „Öko-Unternehmer“, oder?

KvB: Nein, die Vielfalt ist groß und es gibt mittlerweile mehr Anfragen als momentan verfügbare Flächen. Wir bauen ja immer erst dann weiter aus, wenn es konkrete Interessenten gibt – auch das verstehen wir unter Nachhaltigkeit. Momentan gibt es 80 Mietparteien bei uns auf dem Gelände – das reicht vom einzelnen Künstler, über den Modellbauer oder den Tischler bis hin zu Unternehmen wie den Computerrecyclern von AfB, die im letzten Jahr mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurden.

IGA: Seit 2011 gibt es die ECF-Containerfarm bei Ihnen auf dem Gelände. In alten Überseecontainern hat das Start-Up-Unternehmen „ECF Farmsystems“ ein Gewächshaus mit einem Fischbecken kombiniert. Dieses spezielle Aquaponik-Verfahren wird bereits seit den 1970er Jahren am Berliner Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) entwickelt. Wie funktioniert das genau?

KvB: In der Malzfabrik lief die ECF Containerfarm anfangs unter dem Arbeitstitel „Tomatenfisch“ – das beschreibt es ganz gut. Aquaponik beruht ja auf einem sehr einfachen und gleichzeitig sehr nachhaltigen Kreislaufsystem Prinzip. Wir züchten Fische, die Ausscheidungen der Fische werden von speziellen Bakterien in Dünger umgewandelt und die Pflanzen – zum Beispiel Tomaten oder Kürbisse – ziehen sich diesen Dünger dann aus dem Wasser, das funktioniert wie eine Pflanzenkläranlage. Weil sich das Wasser aufheizt und wir nicht zusätzlich kühlen möchten, kommen nur Warmwasserfische für die Aufzucht in Frage – zum Beispiel Zander oder Rotbarsche.

IGA: Derzeit wirft der Prototyp, die ECF Containerfarm, nur einen Ertrag von 50 Kilogramm ab. Das sind etwa 100 Fische, die am Ende der Saison ca. 500-600 g wiegen. Nach dem Testlauf mit dem Container soll nun auf dem Gelände der Malzfabrik ab 2014 auf mehreren 1800 Quadratmeter eine Stadtfarm entstehen, die zeigt, dass sich diese Form der urbanen Landwirtschaft auch ökonomisch lohnt. Aber ist Gemüse, das in der Stadt wächst eigentlich wirklich gesund?

KvB: Es gab Anfangs durchaus Bedenken bezüglich der Schadstoffe und deshalb haben wir gemeinsam mit Studenten der Humboldt-Universität eine Studie durchgeführt. An vier unterschiedlichen Standorten in Berlin, u. a. auch in der Malzfabrik, wurden Pflanzen angebaut und anschließend auf Schadstoffe hin untersucht. Im überdachten Anbau – wie in der ECF Containerfarm – waren keinerlei Schadstoffe über den üblichen Werten nachzuweisen. Generell glaube ich aber, dass wir – je mehr wir urbane Landwirtschaft betreiben – auch über gewisse Standards nachdenken müssen. Der Gummiabrieb von Autoreifen ist beispielsweise durchaus ein kritischer Faktor.

IGA: Megacities wie Shanghai, Hongkong oder Singapur fördern die städtische Landwirtschaft bereits seit Jahren. Auf Kuba liefert in Havanna und Santiago die "agricultura urbana" bereits 90 % der frischen Lebensmittel. Aber was spricht in einer Stadt wie Berlin für die Direktversorgung mit Lebensmitteln aus urbaner Produktion?

KvB: Vielleicht rechnet sich das hier momentan noch nicht in großem Stil. Aber irgendwann werden die Kosten für den Transport von Obst und Gemüse durch die steigenden Spritpreise höher sein, als die Anschaffungs- und Unterhaltungskosten für ein Farmsystem. Und dann wird Urban Farming auch in ökonomischer Hinsicht sinnvoll sein. Aus ökologischer Sicht lohnt es sich schon jetzt – wir vermeiden Transporte und unnötige Kühlketten. Prinzipiell halte ich es zudem für sehr sinnvoll, wenn wir uns wieder aus nächster Nähe mit dem, was wir essen, auseinandersetzen und beschäftigen.

IGA: Bei Ihnen kommt nur Bio auf den Tisch?

KvB: Ja, da bin ich ziemlich konsequent. Ich habe mich sieben Jahre lang vegan ernährt, mittlerweile esse ich auch wieder Fleisch und Tierprodukte – aber nur aus biologischer Produktion. Mich interessiert die Toxikologie sehr und wenn ich mir dann anschaue, was so alles in den konventionell hergestellten Nahrungsmitteln enthalten ist, dann möchte ich mir das einfach nicht zumuten. Außerdem möchte ich den ökologischen Landbau mit meiner Kaufkraft unterstützen. Aber man darf sich da auch nicht verrückt machen – wenn ich auswärts esse, bin ich da durchaus auch kompromissbereit. Und mittlerweile gibt es ja in Berlin tolle Angebote, zum Beispiel ein Bio-Fastfood-Restaurant.

IGA: Sie sind auch im Sachverständigenbeirat für Naturschutz und Landschaftspflege der Senatsverwaltung engagiert. Was zählt hier zu Ihren Aufgaben?

KvB: Uns werden verschiedenste Entwicklungsvorhaben in der Stadt vorgestellt, wir haben zum Beispiel über die Nachnutzung von Tegel gesprochen oder aber auch über die Internationale Gartenausstellung. Wir hören uns an, was geplant ist und geben Empfehlungen, um das Beste für die Natur herauszuholen. 2012 haben wir zum Beispiel einen Beschluss zum Thema „Urbane Naturerfahrungsräume“ verabschiedet. Wir finden es wichtig, dass in Berlin ein Netz aus Naturräumen erhalten wird. Wir sollten unseren Kindern auch wilde Oasen lassen, in denen sie auf Bäume klettern oder Bretterbuden bauen, wo sie die Natur beobachten können. Ich finde es wichtig, auch in der Stadt die Wildnis zu entdecken.

IGA: Ökologie, Umweltbildung und Naturerleben sind wichtige Schwerpunkte der IGA 2017 in Berlin. Was würden Sie sich noch von einer Internationalen Gartenausstellung in der Hauptstadt wünschen?

KvB: Ich würde mir viele gute Ideen wünschen, die zu naturnahem Gärtnern inspirieren. Damit man erst gar nicht auf die Idee kommt, Flächen zu versiegeln, um dann darauf einen Garten anzulegen, sondern vielmehr mit dem vorhandenen Grün arbeitet. Das ist auch etwas, was wir in der Malzfabrik verfolgen. Alles was nicht unbedingt Stein sein muss, kann auch grün sein. Man kann zum Beispiel mit Schotterrasen arbeiten als Stellfläche für Autos. Ich würde mir eine IGA wünschen, die auch für die Schönheit des Wildwuchses, des Natürlichen sensibilisiert wird. Für mich gibt es beispielsweise kein „Unkraut“ im herkömmlichen Sinne. Jede Pflanze hat etwas – und wenn es nur das Chlorophyll ist – was sich positiv auf ihre Umgebung auswirkt.

IGA: Gibt es ein „Unkraut“, das Ihrer Meinung nach besonders unterschätzt wird?

KvB: Der Löwenzahn. Im Gegensatz zur Brennnessel, die ja für ihre Wirkung auf die Niere bekannt ist, hat sich die Wirkung des Löwenzahns als Heilpflanze noch nicht weitläufig herumgesprochen. Dabei hilft Löwenzahn nicht nur, die Tätigkeit der Niere anzuregen, sondern wirkt sich auch günstig auf die Leber aus. Ich hab als Kind eines Heilpraktikers sehr viel Löwenzahnsalat essen müssen – der ist allerdings so pur ziemlich bitter. Aber es gibt sehr leckere Rezepte, zum Beispiel Löwenzahnbutter oder Löwenzahnpresssaft, der eignet sich hervorragend als Frühjahrskur und wirkt auch gegen Müdigkeit.

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

KvB: Ich habe mittlerweile in fast jedem Stadtteil von Berlin gewohnt und überall grüne Orte entdeckt – ich bin also in der ganzen Stadt verwurzelt. Ich gieß mich mit dem Berliner Leitungswasser, ich dünge mich mit regionalem Bioessen und in der Berliner Malzfabrik treibe ich „kreative Blüten“.

Das Gespräch führten Jeannine Koch und Franziska Eidner.