Berliner Pflanze / Kirsten Bruhn

Kirsten Bruhn – Weltklasse-Schwimmerin & Inklusions-Botschafterin

Kirsten Bruhn zählt weltweit zu den schnellsten Schwimmerinnen mit Handicap – allein drei Goldmedaillen, viermal Silber und viermal Bronze holte sie bei Paralympischen Spielen in Athen, Peking und London. Im August 2014 beendet die gebürtige Schleswig-Holsteinerin und Neu-Berlinerin mit ihrem Antritt bei den Europameisterschaften ihre aktive Laufbahn als Sportlerin. In der Öffentlichkeit wird sie auch weiterhin stehen – als Botschafterin des Unfallkrankenhauses Berlin Marzahn (ukb) und aktive Förderin einer Inklusion, die weit über die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden hinausreicht.

Kirsten Bruhn | Berliner Pflanze

Es geht Kirsten Bruhn vor allem um die selbstverständliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen im Lebens- und Berufsalltag. Seit mehreren Jahren nutzt die Ausnahmesportlerin, die seit einem Motorradunfall 1991 auf den Rollstuhl angewiesen ist, ihre Popularität auch dazu, um Menschen mit und ohne Behinderungen zu motivieren, ihren Weg zu gehen und sich auf ihre Fähigkeiten zu konzentrieren. Ein besonderes Anliegen ist der vielfach ausgezeichneten Sportlerin dabei die Kinder- und Jugendarbeit: Derzeit tourt Kirsten Bruhn unter anderem mit dem Dokumentarfilm „Gold – Du kannst mehr, als du denkst“, der eindrucksvoll die Lebensgeschichte von drei Leistungssportlern mit Behinderung erzählt, durch Schulen in ganz Deutschland. 

Zwischen Vortrags- und Presseterminen, Trainingslager und Umzugsstress trafen wir Kirsten Bruhn zum Interview in direkter Nachbarschaft zum zukünftigen IGA-Gelände: im Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), europaweit führend in der Rehabilitation und ausgerüstet mit Deutschlands modernster Rettungsstelle. Wir sprachen mit ihr im IGA-Interview über Treppen und Rampen, Landschaft und Heimat, Berliner Vielfalt und Nordische Ruhe, über „Design for All“ und Bewegung im Freien. 

IGA: Sie sind Bambi-Preisträgerin, wurden unter anderem als „Vorbild des Sports“ ausgezeichnet, Sie sind ukb-Botschafterin und Motivationstrainerin – und scheinbar nebenbei bereiten Sie sich auch noch auf die Schwimm-Europameisterschaften in Amsterdam vor. Wie sieht eine „normale“ Woche bei Ihnen aus?

KB: Jede Woche ist anders – zumindest was die Termine außerhalb des Sports angeht. Zurzeit bin ich vier bis fünf Stunden am Tag mit Training beschäftigt. In der heißen Phase vor der EM, also im Juni/Juli, werde ich sicher auch noch einmal Zeit in Schleswig-Holstein verbringen, um mit meinem Vater, der mich auch trainiert, nicht nur Trainingspläne via E-Mail auszutauschen. Darüber hinaus gibt es jede Menge Termine. Ich werde mittlerweile sehr oft zu Vorträgen und Benefizveranstaltungen eingeladen. In Hamburg war ich beispielweise gerade unterwegs, um ein Unterrichtsmodul mit auf den Weg zu bringen, mit dem das Thema Behinderung auf den Stundenplan kommt. Das wird nun im Zweijahresmodus zum Pflichtprogramm an allen Hamburger Schulen – und darüber freue ich mich sehr.

IGA: Und was macht eine ukb-Botschafterin? Wird man Sie nach Ihrer aktiven Sportlerkarriere hier öfter auf den Fluren des Krankenhauses antreffen?

KB: Sicherlich. Aber egal wo ich bin, verkörpere ich als Botschafterin das, wofür die Ärzte und das gesamte Personal hier im ukb arbeiten: Rehabilitation und Resozialisierung. Das ist sehr umfassend – das hat ja nicht nur etwas mit dem Patienten zu tun, sondern auch mit seiner Familie sowie dem medizinischen und dem therapeutischen Personal. In meiner Arbeit als Botschafterin ist mir vor allem das Thema Kommunikation wichtig. Damals, nach meinem Unfall hat der Arzt zu mir gesagt: „Frau Bruhn, das mit dem Gehen, das können Sie vergessen.“ Das war natürlich total zerstörend für mich – und ich möchte gerne dazu beitragen, dass sich die Kommunikation mit den Betroffenen, mit den Familien professionalisiert. Naja, und sicherlich bin ich als Botschafterin auch eine Art Vorbild, um Wege aufzuzeigen, wie man neue berufliche wie soziale Perspektiven entwickelt. Das ist mir ganz klar durch den Sport gelungen – der ist für uns alle eine ganz wichtige Komponente, um sich wohl zu fühlen, mit sich selbst. Man kann mit Sport etwas erreichen – es muss ja nicht gleich die Goldmedaille sein.

 IGA: Sie waren ja vor Ihrem Unfall auch schon Leistungsschwimmerin. Und plötzlich ist alles anders...

KB: Ja, das ist eine ganz große Umstellung. Die Körperwahrnehmung ist eine andere, das Wassergefühl ist ein anderes und die Wasserlage des Körpers ist mit einer Lähmung eine ganz andere. Bei mir wollte der Kopf immer nach unten. Luft zu bekommen, die Beine unten zu lassen, einen Vortrieb zu erzeugen und eine gewisse Systematik im Ablauf neu zu lernen – das war irre schwer. Das war eine Neugeburt, aber definitiv keine, die ich wollte. Das war so eine Aha-Schocksituation. Alles war neu, alles war fremd. Ich dachte nur: Ach Wasser, schön ja, das ist doch deins. Aber alles andere war nicht meins. Bis ich das alles zusammenfügen konnte für mich und aus meiner Situation das Beste gemacht habe, das hat gedauert. Ich habe zunächst all meine Kräfte für die Physiotherapie mobilisiert und erst sechs Jahre später angefangen, den Unfall auch psychotherapeutisch aufzuarbeiten.

IGA: 2004 sind Sie schließlich zum ersten Mal bei paralympischen Spielen in Athen gestartet. Knapp ein Jahrzehnt später, in London, wurden erstmals olympische und paralympische Spiele zusammengefeiert als die „London Games“..Hat für das Sie spürbar etwas an der Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung geändert?

KB: Es hat extrem viel verändert. Da gab es diese riesigen Plakate überall in der Stadt, auf denen behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam als „Helden Englands“ gefeiert wurden. Man war stolz auf alle – egal ob mit Behinderung oder ohne. Das war absolut spürbar, auch hier in Deutschland. Zum ersten Mal haben die paralympischen Spiele eine Breitenwirkung gehabt. Das haben viele gesehen und das hat viele beeindruckt. Und das hält an – das merke ich auch immer wieder, wenn ich an die Schulen komme. Da waren letzte Woche etwa die Siebtklässler, die begeistert von den Winterspielen in Sotschi und der Leistung der einarmigen Alpinskifahrer erzählt haben. Wie irre schnell die sind! Diese Art von Wahrnehmung und Anerkennung trägt erheblich dazu bei, unsere Kinder noch viel stärker dafür zu sensibilisieren, wie wichtig eine integrative und inklusive Gesellschaft ist.

IGA: Und das vermitteln Sie auch in Ihren Schulvorträgen?

KB: Die Schüler soll begreifen, was es heißt, im Rollstuhl zu sitzen oder blind zu sein. Sie fahren mit mir Rollstuhl-Parcour oder gehen mit verbundenen Augen durch einen Park oder schwimmen sogar blind. Da gehört schon Mut dazu. Einzutauchen, ohne zu wissen, wo bin ich und dann die richtige Richtung zu finden, um wieder aufzutauchen. Ich möchte, dass die Kinder das wirklich verstehen. Wenn wir nicht bei den ganz Jungen anfangen, wie soll sich dann gesamtgesellschaftlich etwas ändern?

IGA: Wie weit sind wir in Sachen Inklusion aus Ihrer Sicht? Nehmen Sie beispielsweise Berlin als inklusive Stadt wahr? Oder hakt es da noch sehr? Wie empfinden Sie die Bewegung im öffentlichen Raum hier?

KB: Ich würde nicht sagen, dass sich Berlin da besonders positiv hervortut. Deutschland insgesamt hinkt hinterher im internationalen Vergleich. Skandinavien und Großbritannien sind da weiter. Aber trotz seiner Schnelligkeit und Lautstärke ist Berlin eine sehr tolerante und sehr freundliche Stadt. Ich habe viel Respekt vor dieser lauten Berliner Art: ruppig, laut und auch ein bisschen protzig. Ich muss als Norddeutsche noch ein wenig Feingefühl dafür entwickeln, wie dass der Berliner Manches so meint. Vielleicht kann ich ja im Gegenzug den Berlinern auch ein wenig von meiner norddeutschen Ruhe und Gelassenheit abgeben. (lacht) Ich bin nach Berlin der Liebe wegen gekommen. Ich empfinde die Stadt als sehr eloquent und mir gefällt es, dass man hier so an die Verschiedenartigkeit der Menschen gewöhnt ist, und dass die Stadt dafür auch vielfältigste Angebote bereitstellt. Insbesondere in der kulturellen Vielfalt ist Berlin ja sehr vorbildlich. Man ist hier von der Einstellung her integrativer als anderswo – und ich würde mir wünschen, dass die Stadt diese besten Voraussetzungen nutzt, um auch inklusiver zu sein.

IGA: Was wünschen Sie sich konkret?

KB: Dass wir keine Unterschiede machen und Inklusion von Anfang mitdenken. Dass man als Rollstuhlfahrerin nicht durch den Keller und dann durch die Küche ins Restaurant muss. Es kann nicht sein, dass öffentliche Bauten nur unter erschwerten Bedingungen zugänglich sind. Das betrifft ja nicht nur Menschen im Rollstuhl, sondern auch ältere Menschen oder Familien mit Kinderwagen. Ich weiß gar nicht, warum heutzutage überhaupt noch Treppen gebaut werden. Treppen sind genauso kostspielig und aufwendig in der Realisierung wie Rampen, wenn nicht noch aufwendiger. Treppen sind im Winter hinderlicher als Rampen, dort kann man besser streuen. 

Es kann nicht sein, dass ein Fahrstuhl im Bahnhof kaputt ist und erst am nächsten Tag repariert wird. Oder dass man in ein Geschäft nur über Stufen gelangt. Oder dass Parkplätze für Rollstuhlfahrer von anderen Autofahrern zugeparkt werden. Ich verstehe ja, dass wir es alle möglichst bequem haben wollen – aber wir sind als Rollstuhlfahrer echt aufgeschmissen, wenn der Parkplatz nicht frei ist.

IGA: Die IGA verfolgt den Gestaltungsgrundsatz des „Design for All“ und sorgt für einen barrierefreien Zugang zu den Ausstellungsbereichen und Freizeitangeboten. Was müsste eine IGA noch bieten, damit Sie sie besuchen?

KB: Wichtig finde ich, dass das „Design for All“ schon bei der Seilbahn beginnt. Dass nicht nur ein einziger Wagen rollstuhl- oder kinderwagenkompatibel ist und man bei Besucherandrang lange warten muss, um überhaupt auf das Gelände zu kommen, wie ich es tatsächlich schon bei Gartenschauen erlebt habe. Und ich würde mich – neben den gärtnerischen Themen und Anregungen, die man für den eigenen Garten oder Balkon mit nach Hause nimmt – auch über sportliche Angebote freuen.

IGA: Ein Programmschwerpunkt der IGA lautet ja „Draußen bewegen“ und wird eine Vielzahl von sportlichen Angeboten in verschiedensten Landschaftsräumen umfassen. Haben Sie hier in Berlin mittlerweile auch schon Orte oder Landschaften gefunden, wo sich für Sie ein gewisses Zuhausegefühl eingestellt hat?

KB: Ich finde das Strandbad Weißensee unheimlich schön. Die Badeanstalt hat einfach Stil. Das mag ich sehr. Da ist irgendwie jeder, so wie er ist. Da ist natürlich auch das Grün und das Wasser, was ich von Schleswig-Holstein kenne und mag. Und Köpenick gefällt mir sehr – da fand das Freiwasserfinale der Europameisterschaften 2011 statt. Das war toll – Schwimmen im Freien. Der Sauerstoff macht einen leistungsfähiger. Das Licht, die Atmosphäre ist wesentlich schöner. Draußen bewegen, da bin ich ganz beim IGA-Motto – das muss absolut sein.

IGA: Was macht Sie zu einer Berliner Pflanze?

KB: Ich bin auf dem Weg, eine zu werden. Soviel Wasser und Brücken wie es hier gibt – da könnte Berlin glatt mit Venedig konkurrieren. Ich mag den Bären und ich habe jetzt hier Wurzeln geschlagen. Die Neugier, das immer wieder Neue – das fasziniert mich an Berlin und verbindet mich mit der Stadt. Mit fast 45 hier noch einmal neu zu starten und diese Stadt zu entdecken –das ist schon eine große Herausforderung, auf die ich mich freue.

Das Gespräch führten Jeannine Koch und Franziska Eidner. Dank an Hans-Christian Bustorf, Pressereferent des ukb für die Unterstützung.