Berliner Pflanze / UMASAN – VEGANE MODE

UMASAN – Vegane Mode von Anja und Sandra Umann

Die Mode von Anja und Sandra Umann setzt klare Statements – nicht nur mit ihrem puristischen Stil. Seit 2010 betreiben die Zwillingsschwestern das weltweit erste und bislang einzige vegane High-Fashion-Label. Die Kollektionen von Umasan kommen ohne tierische Textilprodukte aus: Statt Wolle, Seide oder Leder werden Stoffe aus Algen, Buchenholz, Eukalyptus oder Bambus verwendet.

Umasan | Berliner Pflanze

Die seit acht Jahren vegan lebenden Schwestern legen zudem großen Wert auf eine ökologisch wie sozial nachhaltige Herstellung. Produziert wird ausschließlich in Europa, geschneidert in Deutschland. Verkauft wird ihre „Avant-Garde Feel-Good Fashion“ nicht nur im Umasan-Showroom in Berlin-Mitte. Ab April 2014 ist das Label auch im Bikini-Haus im Westen Berlins präsent und die vegane Modelinie ist zunehmend auch international erfolgreich. Um das Marketing und den Vertrieb kümmert sich Sandra Umann, die jahrelang als Fotografin und Creative Director für verschiedene Modezeitschriften tätig war. Ihre Schwester Anja, studierte Modedesignerin, war unter anderem für den renommierten Modeschöpfer Yohji Yamamoto in Paris und Tokio tätig – der japanische Einfluss ist in ihren Entwürfen für Umasan deutlich erkennbar.

Wir treffen die Schwestern in ihrem Laden in der Linienstraße. Eine Kundin aus Finnland lässt sich gerade über den Tragekomfort veganer Stoffe aufklären – knitterarm und kühlend, keine allergenen Substanzen, hohe Trocken- und Nassfestigkeit -, während die ganz in schwarz gekleideten Umasan-Gründerinnen mit uns über Wurzeln und Sprösslinge ihres grünen Mode- und Lifestyle-Konzepts sprechen.

IGA: Sie sind viel unterwegs, in Kürze eröffnen Sie eine weitere Dependance im Bikinihaus und auch die Medien interessieren sich zunehmend für Umasan. Liegt vegane Mode im Trend?

Sandra Umann (SU): Wir glauben eher, dass es sich hier um eine langfristige Entwicklung handelt. Trends kommen ja oft aus dem Nichts und verschwinden dann wieder. Das Interesse an einen bewussten Konsum steigt ja eher kontinuierlich, Schritt für Schritt – nicht nur im Lebensmittelsektor, sondern auch im Lifestyle-Bereich. Wir sind vor vier Jahren gestartet. Da waren wir noch die absoluten Exoten und wurden ein wenig belächelt. In den letzten zwei Jahren merken wir, dass sich wahnsinnig viel getan hat. Das 90er-Jahre-Ökoimage, das vor allem auf Verzicht beruhte, löst sich zunehmend in den Köpfen auf. Wir leben zunehmend in einer sehr anspruchsvollen Gesellschaft, die immer bewusster konsumiert und entdeckt, dass es tolle Alternativen gibt. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern allmählich und ist Teil eines tiefgreifenden Wandels – und genau darum glauben wir, dass der Zuspruch zu unserer Mode kein kurzfristiger Trend ist.

IGA: Wer kauft bei Ihnen ein?

SU: Wir sprechen zu vielleicht 15 Prozent Veganer an. Alle anderen Kunden sind modebewusste und kulturinteressierte Menschen, die maßgeblich über das Design angesprochen werden. Die mögen in erster Linie schöne Dinge. Genau diejenigen möchten wir auch erreichen, für die Nachhaltigkeit in der Mode und im eigenen Lifestyle bislang kaum eine Rolle gespielt hat oder die vielleicht sogar Berührungsängste hatten. Wir sind zudem sehr neugierige Menschen. Wir wollten nichts schaffen, was es bereits gibt, sondern haben von Beginn an auf Innovationen gesetzt.

Anja Umasan (AU): Ja, Umasan ist ganz eng mit der Neugier dem Leben gegenüber verknüpft. Uns ist es wichtig, uns weiterzuentwickeln, neue Dinge zu entdecken. Damit möchten wir andere mitreißen und inspirieren. Kaum jemand möchte ja verzichten. Wenn man dann aber plötzlich feststellt, dass man mit pflanzlichen Textilien vor allem etwas gewinnt und sich selbst etwas Gutes tut – und das spürt man sofort, wenn man die Stoffe anfasst – dann wächst auch die Offenheit und das Interesse an nachhaltiger Mode.

Wir möchten die Menschen durch Schönheit und Qualität überzeugen. Wir selbst haben einen hohen Anspruch an Ästhetik und dazu bestimmte ethisch-moralische Vorstellungen. Wenn man etwas mit voller Leidenschaft und vollem Einsatz tut, dann kann das nur im Einklang mit den eigenen Werten geschehen.

IGA: Wie einfach oder schwer war es, diese innovativen Materialien zu finden, die auch Ihren ethischen Vorstellungen entsprachen? Wie viel Kompromisse mussten oder müssen Sie noch immer eingehen?

AU: Man geht insofern Kompromisse ein, als dass beispielsweise Baumwolle noch eine größere Rolle spielt, als wir es uns wünschen. Der Wasserverbrauch ist für die Herstellung von Baumwolle immens – wir versuchen hier zunehmend Alternativen zu finden oder nur recycelte Baumwolle zu nutzen. Außerdem haben wir ein sehr sensibles haptisches Empfinden und stellen hohe Anforderungen an das äußerliche Erscheinungsbild von Textilien. Vor drei, vier Jahren waren die Angebote hier im veganen Sektor noch stark begrenzt

SU: Sicherlich entsprachen die ersten beiden Kollektionen noch nicht hundertprozentig unseren Vorstellungen. Aber man muss einfach an irgendeinem Punkt anfangen –– das sagen wir auch immer wieder unseren Kunden. Es würde schon so viel ausmachen, wenn eine Gesellschaft sich zur Reduktion ihres Fleischkonsums entschließen könnte. Genauso ist es in der Mode. Hier ist jeder kleinste Schritt wichtig. Vielleicht gibt es noch den einen Knopf, der nicht ganz nachhaltig ist, weil es noch keine Alternative gibt. Aber die gibt es vielleicht in zwei Jahren.

AU: Nachhaltigkeit ist nichts, was einfach da ist oder für sich besteht, sondern was sich stetig auf einem neuen Level definiert und weiterentwickelt. Die Achtsamkeit wächst mit der Zeit und die Technologien verändern sich. Man muss dem Neuen gegenüber aufmerksam und offen sein und sie aufgreifen, wenn sie es wert sind. Das gilt im Prinzip in jedem Lebensbereich.

IGA: Und was ist das Neue beispielsweise im Textilbereich? Über welche Entwicklung haben Sie sich zuletzt gefreut?

SU: Bislang war die Winterkollektion für uns immer eine große Herausforderung. Winterstoffe sind Wolle, Pelz, Leder, selbst die Fütterungen sind oftmals nicht nachhaltig. Wir konnten bislang keine wirklich warmen Jacken auf den Markt bringen. Jetzt auf der Messe haben wir eine Wattierung aus Zuckerstärke gefunden.

AU: Das bereichert immens die Kollektion. Von Saison zu Saison passiert da im Moment so unheimlich viel! Jeder Messebesuch ist für uns hier immer ganz toll.

SU: Mittlerweile sind wir sogar selbst mittendrin in der Entwicklung neuer Fasern – unsere Zulieferer vertrauen uns hier zunehmend und gehen mit uns gemeinsam neue Wege.

IGA: Und Ihre Lieferanten sitzen ausschließlich in Europa?

SU: Wenn man ein nachhaltiges Konzept umsetzen möchte, dann sind auch die Lieferwege entscheidend. Eine nachhaltige Faser aus Asien wäre für uns ein No-Go. Bis auf eine Ausnahme in Portugal, stammen all unsere Stoffe aus dem deutschsprachigen Raum.

AU: Lokal zu arbeiten, eigene Infrastrukturen aufzubauen und zu nutzen – das ist ein wichtiges Thema für uns. Wir möchten dazu beitragen, dass alte Handwerksbetriebe und traditionelle Manufakturen eine Chance haben, weiterzubestehen.

IGA: Kann man eigentlich Ihre Sachen auf dem Kompost entsorgen?

AU: Im Gegensatz zu herkömmlichen Textilien, wo ja selbst Baumwolle mittlerweile stark chemisch behandelt wird, kann man unsere Kleidung irgendwann bedenkenlos entsorgen und vorher ohne Sorge um die eigene Gesundheit tragen. Wenn wir Baumwolle oder synthetische Fasern verwenden, dann handelt es sich hier um recycelte Materialien. Alles was in einen Kreislauf hineingegeben wird, ist unserer Meinung nach das Nachhaltigste überhaupt. Zudem wirken beispielsweise Polyamid-Polyester-Fasern, die im Recycling-Prozess etwa mit Aloe-Vera angereichert werden können, sehr positiv auf die Haut.

IGA: Wenn man sich im Laden umschaut, könnte man auf die Idee kommen, dass die Farbpalette für vegane und ökologisch bewusste Mode noch etwas begrenzt ist. Hier dominieren Schwarz, Grau und Weiß...

AU: Das ist eine rein stilistische Entscheidung unsererseits. Mit Naturfarben ist mittlerweile eigentlich alles möglich – die Verfahren sind allerdings aufwendiger und kosten deshalb auch mehr.

IGA: Sie sind gebürtige Dresdnerinnen, haben in München, Tokio und Paris gelebt, warum haben Sie sich entschieden, UMASAN in Berlin zu gründen?

AU: Wir kamen aus Paris, wo es eine sehr große interkulturelle Gemeinschaft, ein immens pulsierendes Leben mit sehr viel Inspiration und Kreativität gibt. Man findet wohl in Deutschland nur in Berlin ansatzweise Vergleichbares.

SU: Ja, neben der Förderung für junge Kreative in Berlin, war die Internationalität und Offenheit der Stadt für uns der wichtigste Punkt. Und wir fühlen uns mit dieser Wahl immer wieder bestätigt. Berlin wird in der Modewelt absolut als Trendstadt wahrgenommen.

IGA: Nehmen Sie Berlin auch als grüne Metropole wahr?

AU: Wenn man einmal in Paris oder Tokio gelebt hat, dann schätzt man die grünen Qualitäten Berlins sehr stark: das Grün, die Weite, diese Luft. Man kann hier durchatmen.

SU: Wir sind circa acht Mal im Jahr in Paris zu den Fashion Weeks und Messen und sind dann immer wieder froh, nach Berlin zurück zu kehren.

AU: Die Stadt selbst ist so grün und auch die Umgebung. Auch wenn wir sehr wenig Zeit haben – wir schwingen uns gerne mal aufs Rennrad, fahren raus ins Grüne und tanken wieder auf.

IGA: Aber urbane Gärtnerinnen sind Sie nicht?

AU: Nein, der grüne Daumen unserer Mutter wurde uns leider nicht weitervererbt. Aber ich glaube, dass es für viele Stadtmenschen eine unglaublich wertvolle meditative Erfahrung ist, selbst zu gärtnern, selbst etwas anzupflanzen und zu ernten. Da gibt es ja mittlerweile tolle Modelle – sei es hier in Berlin, in New York oder in Asien, wo auf Dächern ganz wunderbare Gärten entstehen. Gemeinsam zu gärtnern, wirkt sich auch positiv auf das Miteinander in einer Stadt aus. Und man hat die Möglichkeit, auf lokal produzierte Nahrung zurückzugreifen.

Uns interessieren auch Themen wie Guerilla-Gardening, wenn plötzlich über Nacht etwas wächst, und wenn Menschen in Eigeninitiative, ihren Wohnraum grüner gestalten. Wenn Menschen für ihr Umfeld, ihre Stadt Verantwortung übernehmen, sich um Flächen kümmern und sie schöner, lebenswerter für alle gestalten.

SU: So eine Ausstellung wie die IGA kann da durchaus auch inspirieren und sollte Dinge zeigen, die einfach umsetzbar sind. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel, wie auf kleinstem Raum etwas Grünes entstehen kann – das ist gerade für Menschen, die das Stadtleben mögen, wichtig.

IGA: Was macht Sie zu Berliner Pflanzen?

SU: Wir sehen uns eher als exotische Pflanzen.

AU: In jedem Fall ist Umasan eine Berliner Pflanze, deren Wurzeln immer hier bestehen bleiben. Von hier, der Hauptstadt der Veganer, werden auch zukünftig wichtige Impulse ausgehen. Das Bild einer Pflanze, deren Pollen vom Wind irgendwann in der ganzen Welt verstreut werden, gefällt uns gut.

SU: Wir möchten kein Nischenprodukt schaffen, sondern etwas weltweit Zugängliches. In zehn Jahren gibt es hoffentlich viele neue kleine Sprösslinge. Vor allem geht es uns auch darum, größere Marken zu inspirieren.

 
Das Gespräch führten Franziska Eidner und Jeannine Koch.